Der scharfe Familienhund als Beschützer?

Ich bin vermutlich nicht die Einzige, die den Eindruck hat, dass wir zurzeit grundlegende Veränderungen durchleben. Unbestritten hat sich seit den Vorfällen in der Silvesternacht  das Sicherheitsgefühl vieler Menschen in Deutschland geändert:  Die Absatzzahlen von Pfefferspray sind explodiert und vielerorts auch die Zahl der Anträge auf den so genannten kleinen Waffenschein. Auch wenn Polizeibehörden vermelden, dass sich objektiv die Sicherheitslage nicht verschlechtert habe – die Angst geht um.

Angst ist ein schlechter Berater – aber vielleicht ein gutes Verkaufsargument?

Im Hundewesen fürchte ich, dass so manche Hundetrainer oder –Ausbilder auf die Idee kommen, jetzt Kasse zu machen mit der gezielten Ausbildung des Hundes zum „Familien-Beschützer“ zu machen. Gott sei Dank ist der Einsatz von Hunden gegen Menschen sowie und die dazugehörige Ausbildung gesetzlich reglementiert, so dass – sofern es sich um ein seriöses Angebot handelt – die Ausbildung darauf abzielen wird, dass der Hund durch spezielle Signale und Handlungen des Hundehalters dritte Personen abhält bzw. abblockt. Beißhandlungen sollten bei einer solchen Ausbildung keinesfalls vorgesehen sein, und der gut ausgebildete Hund wird nur auf Aufforderung seines Zweibeiners aktiv werden.

Und was passiert, wenn er nicht gut ausgebildet ist?

Wir haben schon genug Hunde, denen es an einer gesellschaftsfähigen Grunderziehung mangelt, wobei der Hund oft nichts dafür kann, aber dem Zweibeiner am anderen Ende der Leine fehlt das Bewusstsein, die Zeit oder schlicht der Wille, etwas daran zu ändern. Ein „scharf gemachter“ Wachhund in den Händen einer solchen Person? Was ist, wenn dieser Mensch in Stresssituationen völlig überreagiert? Ich habe vor Jahren schon einmal miterleben müssen, wie eine überforderte Hundebesitzerin meinem Mit-Gassigänger eine Ladung CS-Gas ins Gesicht gesprüht hat – weil sie angesichts seiner fünf mitgeführten Hunde in Panik geriet und völlig ausrastete.

Ich denke leider, dass vielen die persönliche Eignung fehlt, eine Waffe beziehungsweise ein Abwehrspray als Waffe zu führen. Die allermeisten werden in einer Stress-Situation nicht nur seltsam, sondern mangels Training auch nicht schnell genug reagieren können, so dass die Waffe sogar gegen sie selbst gerichtet werden kann. Viele unterschätzen auch, dass sie sich mit Abwehrsprays bei ungünstigen Windverhältnissen selbst verletzen können. Es stehen eventuell auch juristische Konsequenzen an, denn je nach Wirkstoff des Abwehrsprays könnte man schon allein durch das Mitführen gegen das Waffengesetz verstoßen haben. Es winken empfindliche Strafen. Wenn aber schon bei Abwehrspray etliche Gefahren drohen, was mag es dann für Unwägbarkeiten geben, wenn ein Lebewesen mit eigenen Emotionen als Waffe eingesetzt werden soll?

Es wird auch viele Situationen geben, in denen der Hund üblicherweise nicht dabei sein wird, beispielsweise nach dem Theaterbesuch auf dem Rückweg zum Parkplatz. Wer ein erhöhtes Schutzbedürfnis hat, trainiert vielleicht besser seine eigenen Kompetenzen: Einerseits bei aller Aufgeregtheit einen klaren Kopf zu bewahren und andererseits – sofern denn nötig –  einen guten Selbstverteidigungskurs zu absolvieren.

Mein Partner Hund

Unser moderner Familienhund hat längst andere Aufgaben als noch zu den „Zwingerhaltungszeiten“, er ist unser Alltagsbegleiter, Kuscheltier und vierbeiniges Familienmitglied. Er muss sich in so vielen Situationen bewähren, ob ihm das Kleinkind am Schwanz zieht, er auf den Christkindlmarkt mitgeschleppt und dort permanent von Fremden auf den Kopf getätschelt wird oder viele andere unangenehme Situationen, die wir ihm oft unbewusst so zumuten. Die Zeiten, in denen Hunde mit Druck und oft auch Schmerzen erzogen wurden, gehen glücklicherweise allmählich zu Ende, und ich hoffe von Herzen, dass jetzt nicht wieder auf der Welle der Panikmache in Hinterhöfen oder auf dubiosen Hundeplätzen freundliche Familienhunde „scharf gemacht“ werden.

Lasst Eure vierbeinigen Freunde doch weiterhin die bisherige Rolle weiterspielen – in der Regel wird ein mitgeführter Hund allein schon Abschreckung genug sein. Auch kleine Hunde können ganz schön laut bellen, und tatsächlich böse Menschen werden keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollen! Wie immer – die Verantwortung zum Umgang mit unserer Umwelt liegt bei uns selbst, also sollten wir uns nicht auf Hilfsmittel verlassen, sondern an uns selbst arbeiten!

Manuela Klemz

Dieser Text ist in ähnlicher Form erschienen in meiner Citicon-Kolumne, Ausgabe Nr. 55. Auch online nachzulesen unter  http://issuu.com/citicon/