LEBEN IN EINER ANDEREN WELT.

Obwohl Labradore und Golden Retriever ja ursprünglich als Jagdhunde gezüchtet wurden, gelten sie als sehr geeignete „Familienhunde“ – Millionen glückliche Besitzer auf dieser Welt werden bestätigen können, was wir auch im Pensionsalltag immer wieder feststellen: Vertreter dieser beiden Rassen sind im allgemeinen sehr verträglich mit anderen Menschen und Hunden, sie sind lebensfroh und man muss sie mit ihrem bezaubernden Wesen einfach gern haben!

Besitzer solcher Hunde können recht sorglos durch die Welt gehen. Selbst, wenn einmal ein Kind stürmisch ganz nah am Hund vorbeirennt und ihn dabei erschreckt oder tiervernarrte ältere Damen ungefragt den Kopf des Hundes tätscheln – stecken die meisten Retriever solche Attacken locker weg und machen nichts. Genau so stellt man sich doch das Zusammenleben mit einem Familienhund vor: Fröhlich und unbeschwert! Vielleicht ist aber gerade diese Unbeschwertheit der Grund dafür, dass gerade solchen Hundebesitzern offenbar der Blickwinkel dafür fehlt, wie es anderen vielleicht geht.

Folgende Situationen habe ich kürzlich während unseres Urlaubs an der schönen Ostsee beobachtet: Auf einem relativ schmalen Spazierweg führte ein Ehepaar seine beiden Hunde Gassi, ihnen kam joggenderweise ein brauner Labrador mit zugehörigem Besitzer entgegen.
Die Frau bat den Jogger, doch kurz zu warten, damit das Ehepaar mit den beiden Hunden ins Dickicht ausweichen hätte können, doch der Mann joggte fröhlich weiter und entgegnete: „Danke, alles in Ordnung, wir kommen schon vorbei!“ Einen Moment später sprang einer der beiden
Hunde des Ehepaars auch schon mit Gebell auf den Labrador zu – offenbar hätte er gerne etwas mehr Platz gehabt! Warum wollte wohl das Ehepaar den Weg verlassen – weil sie es so schön finden, sich durch Brennnesseln und pieksende Zweige zu kämpfen? Hätten sie, wo sie doch um das Bedürfnis ihres Hundes nach mehr Abstand wissen, den Weg erst gar nicht betreten dürfen (wie auch alle anderen Fußwege mit weniger als vier Metern Breite)?

Kurz darauf, an einem kleinen Biergarten: Ein anderes Ehepaar hatte seinen Hund angeleint, der sich neben ihnen ablegt hatte. Die Besitzerin
eines Golden Retrievers, sportlich ausgestattet mit modischen Edel-Gummistiefeln und einer Tennisball-Schleuder in der Hand, kam offenbar vom
Strandspaziergang zurück und der meeres-nasse Hund trabte locker und unangeleint vor ihr her. Dieses Mal richtete der männliche Teil des Paares
sich an die Goldie-Besitzerin mit der Bitte, den Hund doch an die Leine zu nehmen. Auf ihren verständnislosen Blick hin ergänzte er, dass sein
Hund es nicht mögen würde, wenn ihr Hund noch weiter auf ihn zuginge. Man sah ihr an, sie verstand es immer noch nicht – schließlich verhielt sich ihr Hund doch freundlich! Widerwillig und mit einer schnippischen Bemerkung leinte sie ihren Hund an, und noch eine ganze Weile lang schüttelte sie demonstrativ den Kopf.

Ist es wirklich so schwer, über den eigenen Tellerrand zu schauen? Ist der eigene Hund und sein unkompliziertes Verhalten das einzig akzeptable Maß der Dinge? Sollen Besitzer eines Hundes, der sich nun einmal anders verhält, aber dafür mit großer Verantwortung und allen notwendigen  Vorsichtsmaßnahmen geführt wird, sich gefälligst nur noch in „Sonderauslaufgebieten“ aufhalten, damit „die anderen“ weiterhin so unbedarft durch die Gegend träumen dürfen? Es gibt unter Hundehaltern eine Initiative, mit der durch ein gelbes Band, Tuch oder Schleifchen an der Hundeleine signalisiert werden soll, dass der Hund keinen (ungefragten) Kontakt mit anderen Hunden haben möchte. Ich habe so meine Zweifel, ob dies tatsächlich für mehr Ruhe sorgen kann, denn gerade die „Träumerle-Hundebesitzer“ werden sich kaum so viel mit Hundeerziehung beschäftigen, dass sie um die Bedeutung eines solchen Zeichens wissen. Vielmehr erwarte ich von solchen Hundebesitzern, dass sie ihre Umwelt besser wahrnehmen – übrigens auch, wenn es um Zweibeiner geht, die einfach keinen Kontakt zu einem fremden Hund möchten oder auf Sabberspuren oder Bettelattacken verzichten können. Und wenn ihnen dieses Verständnis mangels eigener Erfahrung einfach fehlt, wäre es doch nett, wenn sie auf freundlich geäußerte Kritik nicht gleich mit Herumgezicke reagieren. Vermutlich wird das aber ein Wunschdenken bleiben – oder?

Manuela Klemz
Mein Hundehotel
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erschienen im Magazin Citicon, Ausgabe 52: „Leben in einer anderen Welt“